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Die Texte sind natürlich das Wichtigste. Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass ich nur eine kleine Auswahl hier einstelle.

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Stärkeling liebte Filme über alles und für den Abend war Der Clou angekündigt. In den Öffentlich-Rechtlichen, also ohne Werbeunterbrechung. Er hatte sich schon tagelang darauf ge­freut.

Erstaunt war er darüber, dass seine Frau den Film noch nicht kannte. „Der Clou ist doch ein Klassiker“, hatte er ausgerufen. „Sieben Oscars. Den musst du dir unbedingt anse­hen.“

Der Clou sollte pünktlich um viertel nach acht anfangen. Schon um acht saß Stärkeling vor dem Fernseher und hatte die Nachrichten eingeschaltet, obwohl er die um sieben auch schon gesehen hat­te.

„Kommst du?“ rief er voll Vorfreude.

„Ich bin gleich soweit“, antwortete seine Frau aus der Küche.

Sie hatten früher als üblich zu Abend gegessen, um den Anfang nicht zu verpas­sen und er hatte sie davon überzeugt, erst nach dem Film zu spülen. Hatte ihr sogar ange­boten, dabei zu helfen. Dann aber waren sie doch schon kurz vor acht mit dem Essen fertig gewe­sen und sie war mit der Bemerkung, die paar Sachen habe sie schnell allein weggespült, in der Küche ver­schwunden.

Jetzt zeigten sie schon die Wettervorhersage. Stärkeling saß in seinem Fernsehsessel und hörte seine Frau in der Küche mit Geschirr hantieren.

„Es geht gleich los“, rief er.

„Ich komme sofort“, klang es zurück.

Der Hinweis auf den Sponsor der Wettervorhersage war vom Bildschirm verschwunden und schon waren die ersten Takte der Anfangsmelodie zu hören. The Entertainer von Scott Joplin. Stär­keling freute sich in seinem Sessel, aber in diese Freude mischte sich schon ein bisschen Verärge­rung. Denn jetzt müsste er womöglich seiner Frau die ersten Minuten der Handlung im Nachhinein er­klären. Und wenn es eines gab, was er hasste, dann waren es permanente Zwischenfra­gen. Aber noch bestand diesbezüglich kein Grund zur Sorge. Noch lief nur der Vorspann.

„Wo bleibst du denn?“ rief er aber zur Sicherheit noch mal.

„Ich wisch´ grad noch die Schränke aus“, antwortete seine Frau und die Unbeschwertheit ihrer Stimme ließ vermuten, dass die Küchenarbeit ihr gerade besonders leicht von der Hand ging und sie diese Gelegenheit nutzen wollte, alles picobello in Ordnung zu bringen. Dafür würde sie auch auf ein paar Minuten des Films verzichten können.

Die freilich hatten es in sich. Denn in deren Verlauf hatte der vom jungen Robert Redford gespielte Kleingangster Johnny Hooker einen Mafioso hereingelegt – seinen Gewinn aber gleich wieder verspielt. Leider hatten die Mafiosi daraufhin seinen Komplizen und Freund ermordet und waren auch ihm schon auf den Fersen. Die ehemalige Ganoven-Berühmtheit Henry Gondorff, von Paul Newman gespielt, sollte nun helfen, sich an Mafia-Boss Doyle Lonegan zu rächen.

„Hat´s schon angefangen?“ Gerade, als Henry Gondorff und Johnny Hooker sich verbündet hatten, kam Stärkelings Frau zur Wohnzimmertür herein – in der Hand ein kariertes Handtuch, an dem sie sich die Hände abwischte.

Nicht nur Johnny Hooker hatte während der vergangenen Minuten Rachegedanken entwi­ckelt. Auch Stärkelings ursprüngliche Freude über den cineastischen Genuss war jetzt dunkleren Gefühlen gewichen.

„Setz dich“, hatte er geantwortet. „Du hast mal wieder den ganzen Anfang nicht mitge­kriegt.“

Neben der Zweier-Sitzkombination, auf die Stärkelings Frau sich niedergelassen hatte, stand der große Zeitschriftenkorb, den sie auf einem Flohmarkt erstanden hatte.

„Die sind ja gar nicht mehr aktuell“, rief sie mit einem Blick auf die bunten Programm­zeitschriften, die ganz oben lagen, um sogleich mit dem Sortieren nach gelesenen und ungelesenen, sowie aktuellen und abgelaufenen Zeitschriften zu beginnen.

Stärkeling fiel es immer schwerer, sich auf die Anwerbeversuche von Komplizen für Johnny Hookers und Henry Gondorffs geplanten Coup zu konzentrieren. Dabei wurde die Handlung zunehmend komplizierter, denn jetzt war auch noch der korrupte Chief Inspector Snyder hinter Hooker her, weil dieser ihm Falschgeld angedreht hatte.

„Das kannst du doch morgen noch machen“, sagte er zu seiner Frau. „Jetzt leg´ doch mal die Dinger weg und guck einfach zu.“

„Worum geht´s denn?“ fragte Stärkelings Frau, die zu diesem Zeitpunkt – trotz zweiundzwanzig Ehejahren – bereits erhebliche Schwierigkeiten hatte, den seelischen Zustand ihres Gatten richtig einzuschätzen. Stärkeling riss sich mühsam zusammen, gab eine geraffte Zusammenfassung und widmete sich wieder intensiv dem Geschehen auf dem Bildschirm.

„Ist ja richtig spannend“, quittierte Stärkelings Frau die Schilderung.

Die Planung für den großen Coup konnte voranschreiten. Die Örtlichkeit für die fingierte Wettkneipe wurde ausgewählt. Henry Gondorff fand Zugang zu Doyle Lonegans Po­kerrunde im Nachtzug Richtung Chikago und Johnny Hooker musste um sein Leben rennen, weil ein Killer auf ihn angesetzt war.

Da klingelte plötzlich das Telefon im Stärkeling´schen Flur.

„Das ist bestimmt meine Schwester“, bemerkte Stärkelings Frau, erhob sich aus ihrem Sessel und eilte dem Klingeln entgegen.

Im Nu hatte Stärkeling sein vorheriges Erregungsniveau wieder erreicht. Und es erfuhr sogar eine Steigerung, als er seine Frau in der Diele erst „wir gucken nur einen Film“ und an­schließend „nein, du störst überhaupt nicht“ sagen hörte.

Stärkeling war zunehmend unfähig, der Handlung zu folgen. Er wäre nicht mehr in der Lage gewesen, seiner Frau im Nachhinein zu schildern, wie Hooker es schaffte, Lonegans Vertrauen zu gewinnen, weil der ja nicht wusste, dass er, Hooker, derjenige war, auf den er seinen besten Killer angesetzt hatte. Und gerade als Chefinspektor Snyder Ärger mit dem FBI bekam, kam Stärke­lings Frau wieder zur Tür herein.

„Schönen Gruß“, sagte sie.

Stärkeling musste zu diesem Zeitpunkt bereits gespürt haben, dass der Druck in seinem Innersten bereits höher war als der im Kessel der Dampflok des Nachtzuges von Chikago. Äußerlich riss er sich mühsam und gequält zusammen in dem Wissen, dass jede Regung unweigerlich zu einer Explosion geführt hätte, deren Folgen zu kontrollieren er außer Stande gewesen wäre.

All dies nahm Stärkelings Frau nicht wahr. Anders wäre es nicht zu erklären gewesen, dass sie sich in aller Seelenruhe auf den Zweisitzer setzte, darüber staunte, wie jung Robert Redford damals ausge­sehen habe und sich laut fragte, wieso dieser denn jetzt mit dem – an sich doch bösen – Mafia-Boss zusammen arbeitete.

Stärkeling antwortete nicht, weil er sich darauf konzentrieren musste, den Kessel nicht zum Explodieren zu bringen. Nur unter äußerster Willensanstrengung gelang es ihm, dem Geschehen zu folgen. Wie ein einsamer und gejagter Johnny Hooker die Nacht vor dem großen Coup mit der Be­dienung aus dem Drugstore verbrachte, beobachtet von einem feinen Herrn aus dem Hochhaus ge­genüber, dessen Lederhandschuhe und Revolver unter der halb hochgeschobenen Fensterlade zu sehen waren. Und wie es am nächsten Morgen zu einem ganz überraschenden, tödlichen Schusswechsel kam. Wie schließlich Henry Gondorff nachts nicht schla­fen konnte, weil auch an ihm, dem erfahrenen Gangster-Star, die Aufregung vor dem großen Showdown nicht spurlos vorüberging.

All das bekam Stärkeling nur wie durch einen Nebel mit. So hatte er nicht registriert, wie seine Frau bereits ab der zweiten fin­gierten Testwette, die Lonegan nur deswegen nicht abschließen konnte, weil die Schlange am Wett­schalter zu lang war, hin und wieder herzhaft gegähnt hatte.

Als Lonegan schließlich in der Eckkneipe gegenüber wie die beiden Male zuvor auf den Te­lefonanruf mit dem angeblichen Wett-Tipp wartete, dieses Mal jedoch einen Koffer mit einer halben Million Dollar auf den Knien; als der Anruf kam und ihn anwies, alles auf „Lucky Dime“ im dritten Rennen in Riverside zu setzen; als sich in der fingierten Wettkneipe alle in Position brachten und auf das Eintreffen von Lonegan warteten, die Spannung also ihrem absoluten Höhepunkt entgegen schritt und sich endlich die Vorbereitungen der 120 Filmminuten im großen Clou auflösen sollten, da stand Stärkelings Frau plötzlich auf und sagte:

„Ich glaub´, ich geh´ schon mal duschen.“

Es war dieser Satz, der Stärkelings mühevoll zusammengehaltenes Innerstes zum Bersten brachte und den Höllenfeuern, die tief darin getobt hatten, Ausbruch verschaffte. Stärkeling, der sich nie durch sportliche Großtaten hervorgetan hatte, musste den fünfundzwanzig Kilogramm schweren Fernseher ruckartig hochgestemmt und mit entfesselter Wucht in Richtung seiner Frau ge­schleudert haben, die ungläubig staunend über diesen nur wenige Sekunden dauernden Vorgang wieder auf den Zweisitzer gesunken war. Vielleicht sah sie noch – als Spiegel ihres eigenen Erstau­nens – das Antlitz des erstaunten Lonegan auf der ihr zügig entgegen fliegenden 72 cm großen Bild­schirmdiagonale – in dem Moment, als plötzlich das FBI die Wettkneipe stürmte; kurz bevor die mehrere Zentimeter dicke und stabile Glasscheibe auf ihre deutlich dünnere und fragilere Schädel­decke prallte. Den Aufprall überlebten jedenfalls weder der Fernseher noch Stärkelings Frau.

Stärkeling geht es heute besser denn je. Er betreut die Video-Ausleihe in der Justizvollzugsanstalt.


© by Stefan Schrahe, Mai 2009



„Fe-la-li“

Sehr ernsthaft mustert mein 20-monatiger Sohn sein rotes Spielzeugauto. Und ich verzweifle.

Mit konzentrierter Aussprache lässt er es noch mal hören: „Fe-La-Li“. Dieses Mal ein bisschen lauter.

Schon der Spaziergang in die Innenstadt hat mir die Ausmaße meines pädagogischen Problems deutlich werden lassen. Dass er mit seinem Zeigefinger auf jedes Auto zeigt, das wir passieren und dies mit einem lauten „Auto“ kommentiert, sind wir bereits gewöhnt. Aber seit kurzem insistiert er mit Zeigen und Quengeln so lange, bis wir ihm auch noch die Marke verraten. Nicht bei jedem Auto. Nur bei Premiummarken. Und so quälen wir uns Richtung Wochenmarkt – mit „BMW“, „Mercedes“ und „Audi“ auf den Lippen.

Großzügig ist Max bei Nebensächlichkeiten wie der Unterscheidung zwischen dem Fluss, an dem wir wohnen und einer Pfütze. Für ihn ist beides „Rhein“. Aber bei seinen Spielzeugautos ist er genau: Ferrari ist „Fe-la-li“, Porsche ist „Poasche“ und BMW nur deswegen „Ba-U-Ma“, weil seine Mutter Chinesin und dies die richtige Aussprache der bayrischen Edelmarke in der mir fremden Sprache ist.

Aber warum nur teure Edelmarken? Warum weigert er sich, den Namen unseres Kleinwagens auszusprechen? Ist „Panda“ für ein Kleinkind schwieriger auszusprechen als „Lamborghini“? Das kleine, hässlich-gelbe Spielzeugmodell, dem schon lange die Vorderräder fehlen, wird mit Liebe „Lambogigi“ genannt. „Panda“ war ihm bisher nicht mal einen Versuch wert.

Man bekommt ein völlig falsches Bild von uns. Ich, einer der ersten im Ort mit einem Erdgasauto. Und serienmäßig ökologischem Gewissen. Und meine Frau, die überzeugte Reformhauskundin. Aber wenn sie ihn vom Montessori-Kindergarten abholt, geht er zielstrebig an ihrem roten Fiat vorbei auf die schwarze M-Klasse zu, die in der Parklücke nebenan steht.

„Me-Ce-Den“, heißt es dann voller Inbrunst nach prüfendem Blick und Fingerzeig auf den Stern im Zentrum der Leichtmetallfelge.

Wie oft habe ich die viel befahrene Straße unter unserem Balkon verflucht. Und wie versonnen blickt er durch die Gitterstäbe auf den schneeweißen Q7 mit abgedunkelten Seitenscheiben, der da unten darauf wartet, dass die Ampel grün wird. „A-di“, sagt er – immer wieder, bis ich endlich nicke und „Audi“ sage.

Ich habe versucht, ihn auf unsere Seite zu ziehen. Habe bei Ebay das 1:57-Modell eines Toyota Prius in Schwarz ersteigert. Aus den USA. Allein 7 Dollar Versandkosten. Sting fährt so ein Fahrzeug. Und George Clooney.

„Schau Dir den mal an“, sage ich mit einschmeichelnder Stimme, als wir die Verpackung öffnen. „Der ist ganz sauber, hat super-wenig CO2-Ausstoß und schont unsere natürlichen Ressourcen.“

Nur wenige Sekunden dauert die kritische Musterung. Dann fliegt der Toyota in die Ecke.

„Fe-la-li“

Auf allen Vieren wird die Wohnung nach dem roten, italienischen Boliden abgesucht.

Das Öko-Auto wird wohl ebenso ein Schattendasein fristen wie das Holzauto mit den abgerundeten Ecken aus dem Spielzeugladen in der Altstadt. Dort, wo Eltern häufig Probleme mit ungeduldigen, in der Tür quengelnden Kindern haben, die endlich weiter wollen.

Der BMW Z4, den er von Opa und Oma zu Weihnachten bekommen hat, besitzt weder Türen noch Sitze, keine Scheibe und keine Außenspiegel mehr. Dafür aber die ungebrochene Zuneigung unseres Sprösslings. Ebenso wie der 911er Porsche in 1:43, den meine Frau aus der Stadt mitgebracht hatte. „Er hat ihn gesehen und wollte ihn nicht mehr loslassen“, hatte sie damals entschuldigend gesagt. Zwar fehlt inzwischen ein Scheinwerfer, aber der Blick, mit dem er den halbblinden Mini-Sportwagen jetzt ansieht, als er ihn auf den Wohnzimmertisch stellt, aus mehreren Perspektiven begutachtet und immer wieder umpositioniert, bis er schließlich ein anderes Auto holt, das er dazu stellt, sagt mir, dass nur verlieren kann, wer versucht, sich zwischen die beiden zu stellen.

„Wir müssen den Urlaub auf der autofreien Nordseeinsel streichen“, habe ich zu meiner Frau in diesem Moment gesagt. „Wir müssen uns irgendetwas mit einem großen Parkplatz in der Nähe suchen.“



© by Stefan Schrahe, August 2008



Der Geruch, der eines Morgens durch unsere Wohnung zog, löste bei mir Panik aus. Über­lastete Elektrogeräte riechen so, kurz bevor ihre Plastikgehäuse verschmoren. Im Bademantel haste­te ich durch den Flur – aber weder hatte ein Heizlüfter Wärmestau, noch waren Kaffeemaschine oder Bügeleisen vergessen worden auszuschal­ten. Auch waren keinem Computer­ die Lüftungs­schlitze verstopft. Erst als ich die Tür zum Zimmer meiner Tochter aufriss, ent­deckte ich die Ursa­che des brenzligen Odeurs: Meine Tochter benutzte zum ersten Mal ihr neues Glättei­sen.

Zugegeben: Auch meiner Generation war haar-technisch nicht alles egal. Die Dauerwelle, die Haare vom Typ „Hängegardine“ plötzlich im Afro-Look erkrausen ließ, war Mitte der Siebziger fast ein Muss. Und wer die chemische Keule scheute, hatte zumindest einen Taschenkamm in der Ho­sentasche, wenn er aus dem Haus ging.

Aber die Zeiten haben sich geändert: Meine Tochter ist nicht die Einzige, die ihrer Natur­welle plötzlich keine ästhetischen Qualitäten mehr beimessen kann. Auf dem letz­ten Schul-Som­merfest flogen die Sicherungen heraus, weil nach plötzlich einsetzendem Regen alle verfügbaren Steckdosen mit Glätteisen belegt waren.

Ich war von Anfang an dagegen. Nicht erst, nachdem ich auf dem Bahnsteig vergebens nach ihr Ausschau gehalten hatte. Wenig später rief sie an: Vor dem Aussteigen habe sie noch rasch die Haare in der Zugtoilette glätten wollen und dabei wohl die richtige Station verpasst. Verle­gen, aber mit geglätteten Haaren, wartete sie auf dem 30 Kilometer entfernten Regionalbahn­hof.

Natürlich gab es auch während meiner Schlaghosen-Jugend haarige Diskussionen, kursierten unter den Dauerwellen-Freaks Tipps, in welchem Friseur-Salon eine Auszubildende kurz vor der Prüfung stand und noch preiswerte Afro-Looks zur Übung brauchte. Aber die Welt ist offenbar komplizierter geworden.

Auf dem Weg zum Konzert irgendeiner angesagten Indie-Gruppe ging es im Auto zwischen meiner Tochter und ihren beiden Freundinnen nur um ein Thema: Welche Haarkur für coloriertes Haar geeignet ist, ob man die Haare besser Abends oder Morgens glättet, ob die Wärmeschutzcremé von L´oreal in der pinken Tube oder die von Wella besser geeignet ist. Ob es ein Remington Profes­sional Slim Straightener S 1002 mit Keramik und Teflon-Beschichtung, ein Wahl Cutex oder der Curlmaster Ceramics sein muss. Ob ein Wärmeschutzspray der Teflon-Beschichtung schadet und wie viel Haarspray nach dem Glätten aufgesprüht werden muss. Vor allem aber, ob es beim Konzert eine Pause und eine Damentoilette mit genügend Steckdosen geben würde.

Plötzlich verstand ich, warum meine Tochter immer über Zeitnot klagte, seit sie ihr Glättei­sen besaß. Und über Geldnot. Denn ihre Freundin Swenja erzählte, dass sie allein für die Pflegemit­tel schon über 70 Euro ausgegeben hatte.

Das Glätteisen verschmorte zusehends das enge Band zwischen mir und meiner Tochter. So endete die Urlaubsplanung im Eklat, da Mittelmeer, Nord- oder Ostsee aus ihrer Sicht gar nicht gin­gen. Wegen des Salzwassers und dessen verheerender Wirkung auf eine gerade erst geglät­tete Fri­sur. Zudem gebe es am Strand keine Steckdosen. Und über die unzureichende Absicherung der Steckdosen in türkischen Ferienbungalows hatte sie im Glätteisen-Forum wahre Horror-Stories ge­lesen.

Auch aus dem Freizeitpark kehrten wir in gedrückter Stimmung zurück. Die Wildwasser­bahn hatte unliebsame Kräuselungen hervorgerufen. Das Glätteisen lag aber im Auto. Ein kilome­terweiter Weg zum Parkplatz inklusive erneuten Anstellens an der Einlass-Schlange war die Folge.

Die Situation eskalierte zusehends: Kurz nach den Ferien rief sie mich in heller Aufregung auf dem Weg ins Büro an. Sie hatte ihr Glätteisen in meinem Auto liegen lassen und ich müsste so­fort um­drehen, da sie mit gewelltem Haar nicht in die Schule gehen könne. Zumal sie am Nachmit­tag noch ein Bewerbungsgespräch für ein wichtiges Praktikum habe und da unmöglich ohne makel­los geglät­tete Haare auftauchen könne. Natürlich weigerte ich mich und legte auf. Aber sofort befie­len mich heftige Zweifel. In Gedanken sah ich sie Jahre später auf der Couch liegen, an ihrem Kopf­ende einen Psychiater mit Schreibblock, der diesen Morgen und mein Verhalten zweifelsfrei als Be­ginn ihrer sozialen Stigmatisierung herausdestillieren würde. Keine Lust, mich derart mit Schuld zu beladen, setzte ich – mit Wut im Bauch – an der nächsten Ausfahrt den Blinker.

Ich bestand auf einer Unterredung und beschloss, meinen letzten Trumpf auszuspielen. Im­merhin hatte sie den Al Gore-Film gesehen und sich danach eine Woche lang geweigert, in mei­nem Diesel-PKW ohne Russfilter mitzufahren.

„Ich habe einen signifikanten Anstieg unseres Stromverbrauchs feststellen können“, hielt ich ihr also beim Abendessen vor. „Deinetwegen müssen neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Viel­leicht wird sogar der Ausstieg aus der Atomenergie wieder rückgängig gemacht.“

Ihre Antwort kam prompt: Klimaschutz könne ja wohl nicht heißen, scheiße auszusehen. Und außerdem seien wir doch vor wenigen Wochen zu einem alternativen Stromanbieter gewechselt. „Meine Haare werden also“, schloss sie ihre Replik mit einem Siegerlä­cheln, „nur von Sonne, Wasser, Wind oder Biomasse geglättet.“

Und jetzt frage ich Sie: Kennen Sie einen Stromversorger, der ausschließlich Energie aus fossilen, giftigen oder hochgefährlichen Quellen anbietet?


© by Stefan Schrahe, Januar 2008


An die Ferienwohnung waren wir günstig gekommen: Wir hatten einfach per Internet die unsrige am Rhein für eine Woche gegen die in Berlin getauscht. Nur eine Bitte hatten unsere Tauschpartner: dass wir Hansi, den Wellensittich, regelmäßig füttern und tränken mögen. Insbesondere Klara, der achtjährigen Tochter des Hauses, schien der Abschied von ihrem Liebling schwer zu fallen.

Der gelb-grüne Vogel strahlte eine gewisse Lethargie aus. Im Gegensatz zu Kanarienvögeln, deren Nervosität und innere Unruhe sie zu ganztägigem Gehopse von Stange zu Stange und hektische Pfeif-Arien animiert, saß unser gefiederter Freund in den ersten zwei Tagen stets ruhig auf seinem Lieblingsplatz – mit halb geschlossenen Augen – und schien über den Lauf der Welt zu philosophieren.

Ich bin ungeübt mit Haustieren, ebenso wie mit dem entsprechenden Zubehör. Um die Tränke zu entfernen und neu aufzufüllen, glaubte ich fälschlicherweise, die Käfigtüre öffnen zu müssen. Kaum aber war sie geöffnet und durch das Wegziehen meiner Hand für einen Moment die Öffnung frei geworden, schien Hansis Lethargie mit einem Schlag vergessen. Noch ehe ich zu irgend einer Reaktion fähig war, war der Sittich pfeilschnell durch die Klappe entkommen und flatterte jetzt aufgeregt im Zimmer herum.

„Mach das Fenster zu“, schrie ich zu meiner Tochter, die sich gerade die Haare föhnte. Ehe sie mein Anliegen verstanden oder ich zum offen stehenden Fenster eilen konnte, war Hansi verschwunden. Am Fenster angekommen, sah ich ihn auf dem Giebel des gegenüberliegenden Hauses sitzen. Auf unser Rufen reagierte er nicht, stieg stattdessen nach wenigen Minuten wieder in die Lüfte und war dann hinter dem Giebel verschwunden.

Entsetzt schauten wir uns an.

„Was machen wir jetzt?“ fragte meine Tochter.

„Ruhe bewahren“, antwortete ich. Ich hatte mal an einer Katastrophenschutzübung teilgenommen und wusste daher, dass dies das Wichtigste war.

Es war aber nicht hinreichend, denn schon nach wenigen Minuten intensiven Nachdenkens war uns klar, dass wir irgend etwas tun mussten. Angenommen, uns wäre ein Teller heruntergefallen, dachte ich. Dann würden wir versuchen, einen identischen Teller zu besorgen – die meisten sind eh von IKEA – und niemand würde den Vorfall bemerken. Warum also nicht auch einen Vogel? Es würde doch kein Problem sein, in einer der zahlreichen Berliner Tierhandlungen einen gelb-grünen Wellensittich zu erstehen mit ausgeprägt lethargischem Charakter zu erstehen?

Meine Tochter war skeptisch, aber ich griff sogleich zu den Gelben Seiten. Nach vier Stunden Telefonaten und intensivem Studium des Stadtplans sowie der BVG-Fahrpläne hatten wir eine Route ausgearbeitet, die uns in den verbleibenden drei Tagen zu mehr als dreißig einschlägigen Fachgeschäften und Discountern führen sollte – im schlimmsten Fall. Am selben Nachmittag machten wir uns auf den Weg.

Ich habe heute noch den typischen Duft einer Tierhandlung nach Futter und Kleintierstreu in der Nase. Nach dem siebten Geschäft wurde uns klar, dass die Suche nicht leicht sein würde. Mal stimmte die Farbe nicht, dann die Zeichnung oder zu guter Letzt die Größe. In Zehlendorf fanden wir einen Sittich, der unserem Hansi zum Verwechseln ähnlich sah, ihn aber vom Temperament her unmöglich ersetzen konnte – es sei denn, man hätte Valium in die Jod S 11-Körnchen gemixt.

„Wird der noch ruhiger?“ fragte ich den Tierhändler.

„Der ist ja noch jung“, antwortete er. „Wenn die mal vier oder fünf Jahre sind, gibt sich das.“ So lange konnten wir nicht warten.

Am zweiten Tag wurde uns klar, dass die meisten Tierhandlungs-Sittiche lebhafte Jungspunde waren und wir kauften wir alle verfügbaren Tageszeitungen und Anzeigenblätter, um uns auf die Suche nach gebrauchten und bereits etwas gesetzteren Sittichen zu machen. Aufwändige Terminabsprachen mit Privathaushalten folgten. Auch Tierheime wurden kontaktiert und mit immer gleichen Anfragen konfrontiert: „Gelb-grüne Zeichnung, linker Flügel überwiegend grün, rechter Flügel gelb, eher der ruhige Typ.“

Auf einer Haushaltsauflösung – einen Tag vor Rückkunft unserer Tauschpartner – wurden wir schließlich fündig. Die Erben einer verstorbenen, hochbetagten Dame waren in sichtbarer Verlegenheit angesichts der Frage, was mit dem letzten Begleiter der verblichenen Oma geschehen solle. Wir kamen wie gerufen und „Freddie“ war unserem Hansi nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten: Die Jahre an der Seite der Seniorin hatten ihn auch in Würde reifen lassen.

Trotzdem konnten wir in der letzten Nacht kaum schlafen und wechselten auch bis zur vereinbarten Wohnungsübergabe um 14:00 Uhr kaum ein Wort. In zunehmender Nervosität verbrachten wir den Tag, während Freddie – oder besser: Hansi – den ersten Tag in fremder Umgebung in kontemplativer Zurückgezogenheit verbrachte. Soweit alles okay.

Um kurz nach zwei klingelte es. Als erstes hörte ich Kinderschritte die Treppe herauf stürmen. Klara lief an uns vorbei mit einem kurzen Hallo, durch den Flur in Richtung des Wohnzimmers. Als ihre Eltern gerade vollbepackt mit Koffern auf dem Treppenabsatz zu sehen waren, hörte ich den Schrei: „Das ist nicht mein Hansi!“

In der anschließenden Diskussion beharrten wir eisenhart darauf, den Vogel nicht ausgetauscht zu haben – das hatten wir vorher so abgesprochen. Mit pochendem Herzen, belegter Stimme und schlechtem Gewissen erzählte ich Klara von den tragischen, aber häufig vorkommenden Schlaganfällen bei Wellensittichen, mit denen stets eine leichte Veränderung des Gefieders einhergehe. Auch die leichte Benommenheit – Freddie war noch ruhiger als Hansi – sei so zu erklären. Ihre Eltern schauten mich derweil misstrauisch an, während meine Tochter unbedingt schon unser Auto packen und unten warten wollte.

Ich versuchte Klara aufzumuntern, in dem ich ihr erklärte, es sei ein Glücksfall, dass Hansi den ernsten Zwischenfall überhaupt überlebt habe und nicht plötzlich tot von der Stange gefallen sei, als sie plötzlich mit aufgerissenen Augen zum Fenster blickte.

Auf dem Sims saß Hansi – der Echte, woraufhin ich meinen Koffer in die Hand nahm, aus der Wohnung lief, die Treppe herunterstürzte und fluchtartig die Stadt verließ.



© by Stefan Schrahe, August 2006



Der Kinofilm fängt zwar erst in knapp einer Stunde an, aber es lohnt nicht mehr, nach Hause zu fahren. Ein Restaurantbesuch dauert zu lange, also ist Fast-Food angesagt.

Wohin ist schnell entschieden. Vor dem Hauptbahnhof fällt mir die neu eröffnete Filiale einer Kette auf, die ich bisher nur vom Hörensagen kannte. Und das Schild mit der Aufschrift „Leckere, frische Sandwiches“ sieht verlockend aus.

Bei Imbissbuden stehe ich nie lange überlegend vor der Angebotstafel. Abwägen und Überlegen sind mir ein Graus und ich bin froh, mich diesem mühsamen Prozess mit einem einfachen „eine Currywurst, eine Cola“ entziehen zu können.

Auch in der Subway-Filiale will ich mögliche Entscheidungskonflikte mit meinem entschlossen vorgetragenen Wunsch - „Ein Sandwich, bitte“ - gar nicht erst aufkommen lassen. Natürlich habe ich von außen bemerkt, dass eine gewisse Angebotsvielfalt besteht und mir dementsprechend eine Antwort für die mögliche Frage nach „Käse oder Schinken“ zurecht gelegt. Kann also eigentlich nichts schief gehen.

Eigentlich. Denn die freundliche Bedienung hinter dem Tresen lächelt mich erst an, überrascht mich dann aber mit einer vollen Breitseite: „White, Wheat, Honey Oat, Parmesan Oregano oder Vollkorn?“

Ich bin einen Moment verwirrt. „Ist das wichtig?“ frage ich.

„Ich muss ja wissen, welche Sorte sie wollen“, antwortet sie, immer noch lächelnd.

Was soll ich machen? Fragen, ob sie mir „Honey Oat“ übersetzt oder den Unterschied zwischen „White“ und „Wheat“ erklärt? Überhaupt: Wieso sagt einem niemand, dass man sich zwischen fünf verschiedenen Brotsorten entscheiden muss? Wieso gibt es nicht eine Standard-Sandwichsorte von der man abweichen kann? Aber nur, wenn man unbedingt will!

„Vollkorn“, antworte ich nach kurzem Überlegen. Vollkorn kenne ich. „Honey Oat“ nicht. Die Verkäuferin nickt zufrieden. „Und welches Sub?“, fragt sie.

„Ein Sandwich“, antworte ich. „Kein Sub. Ich möchte ein Sandwich.“ Ich drehe den Kopf kurz zur Seite. Ein Mädchen hinter mir lässt eine Kaugummiblase platzen.

„Sie müssen mir sagen, welches Sub-Sandwich sie wollen“, sagt die Verkäuferin – immer noch gut gelaunt. „Italian B.M.T., Tuna, Subway Melt, Chicken Teriyaki oder irgendetwas anderes. Wir haben 13 verschiedene. Die Klassiker, die Fettarmen oder die Favoriten.“

Ich schließe kurz die Augen. Einfach wieder rausgehen geht nicht. Die Schlange ist eine Einbahnschlange. Außerdem habe ich schon ein Tablett genommen.

„Welche können sie denn empfehlen?“, frage ich.

„Die sind alle lecker“, antwortet sie unbarmherzig lächelnd.

Ich hatte immer schon ein Herz für Außenseiter. Also scheiden die Favoriten aus. Bleiben Klassiker oder Fettarme. „Ich glaube, ich nehme fettarm“, antworte ich endlich und öffne die Knopfleiste meiner Jacke. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie warm es hier ist.

„Und welches Fettarme?“ Mein Blick schweift verwirrt von der Auslage in der Glasvitrine über den Tresen ins Gesicht der Verkäuferin. Das Piercing unterhalb der Lippen hatte ich noch gar nicht bemerkt. Sie hebt die Augenbrauen und zeigt mit einem Finger auf die über ihr hängende Tafel mit Abbildungen von fünf verschiedenen Sandwiches. „Die Fettarmen“ steht groß darüber. Ich bin erleichtert und nicke ihr dankbar zu. Immerhin hat sich die Auswahl jetzt reduziert. Ich entscheide mich für „Turkey Breast“, weil es das Bild ganz links ist. Und gegen „Veggie Delite“, „Roasted Chicken Breast“, „Subway Club“ oder „Ham“. Die Verkäuferin ist mit meiner Wahl zufrieden. Sie lächelt, wölbt dabei mit ihrer Zunge das Piercing nach außen. Ich atme auf.

„Was macht das?“, frage ich. Aber ich habe mich zu früh gefreut.

„Wir sind noch nicht fertig“, höre ich sie zwar freundlich, aber bestimmt. „Wir brauchen noch was für drauf.“

„Wie denn was für drauf?“, frage ich.

„Belag“, antwortet sie. „Ein Sub-Sandwich braucht einen Belag. Sie dürfen sich was aussuchen: Schmelzkäse-Scheiben, Philadelphia-Käse, Salat, Tomaten, Paprika, Zwiebeln, Gurken, Essiggurken, Oliven oder Peperoni.“

„Was passt denn zu Turkey Breast?“ wage ich zu fragen.

„Alles“, antwortet sie und ich habe das Gefühl, dass ihr Lächeln jetzt einen spöttischen Ausdruck bekommt. Ich frage mich, ob so ein Piercing nicht weh tut. Hinter mir räuspert sich jemand. Ich öffne den Reißverschluss. Es ist wirklich warm hier.

„Okay – dann nehme ich Schmelzkäse, Salat und Essiggurken.“ Mein Mund fühlt sich trocken an.

„Keine Oliven?“

„Wieso?“

„Oliven passen zu Turkey Breast.“ Sie guckt jetzt strenger.

„Ach so, ja. Entschuldigung. Dann auch Oliven.“ Eigentlich mag ich keine Oliven.

„Also Schmelzkäse, Salat, Essiggurken und Oliven?“

Ich nicke.

„Sie müssen´s ja wissen...“

Ich drehe mich um. Der Halbwüchsige hinter mir schaut demonstrativ gleichgültig ins Leere. Das Mädel pumpt seine Kaugummiblase wieder auf. Die gepiercte Verkäuferin ist damit beschäftigt, die verschiedenen Zutaten auf mein Vollkorn-Turkey Breast zu legen. Ich kann ja schon mal zur Kasse gehen, denke ich. Aber schon beim ersten Schritt lässt mich eine schneidende Stimme zusammenfahren.

„Moment! Wir haben noch keine Soße.“

„Keine Soße?“

„Nein, wir brauchen noch Soße.“

Der Weg bis zu Kasse scheint mir plötzlich unendlich weit. „Welche Soßen gibt es denn?“ Meine Stimme klingt rau. Brüchig.

„Sweet Onion, Dijon Horseradish, Red Wine Vinaigrette, Honey Mustard oder Mexican Southwest.“ Die Worte sind mir ebenso unverständlich wie ein Unterlippen-Piercing.

Ich unternehme einen letzten Versuch: „Was passt denn zu Vollkorn, Turkey Breast mit Schmelzkäse, Salat, Essiggurken und Oliven?“, frage ich leise.

Sie zuckt mit den Schultern. „Ihnen muss es ja schmecken“, antwortet sie ungerührt, aber mein verzweifelter Gesichtsausdruck scheint sie milder zu stimmen.

„Wohl zum ersten Mal hier“, stellt sie in versöhnlicherem Ton fest. „Na ja, da sind sie alle noch ein bisschen nervös.“ Sie beugt sich etwas über den Tresen: „Nehmen sie Red Wine Vinaigrette“, flüstert sie. Ich nicke heftig. Selten habe ich so tiefe Dankbarkeit empfunden.

Ihre Gesichtszüge entspannen sich. „Das war´s schon“, sagt sie. „Jetzt dürfen sie schon mal vor zur Kasse und sich ein Getränk aussuchen.“

Erschöpft, mit gebeugten Schultern mache ich mich auf den Weg – und kriege gerade noch mit wie der Halbwüchsige hinter mir wie aus der Pistole geschossen „Einmal Parmesan Oregano, mit Asiago Caesar Chicken, dazu Peperoni, Zwiebeln, Salat und Mexican Southwest“ ordert.

Ich glaube, ich werde alt.


© by Stefan Schrahe, Februar 2006


Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich ihre Tageszeitung in den Urlaub nachschicken lassen. Da beschleicht mich das Gefühl, gar nicht richtig weg von zu Hause zu sein. Weil ich aber über den Lauf der Dinge in der Welt einigermaßen informiert sein will, kaufe ich mir im Urlaub - und nur dann - regelmäßig die Bild-Zeitung.

So saß ich an einem Freitagmorgen an der kroatischen Adria lesend beim Frühstück, als mein Blick auf eine Anzeige in mir wohlbekanntem Stil fiel. Unter der Überschrift „Aldi informiert“ war genau der Häcksler abgebildet, der ein Jahr zuvor schon einmal im Angebot war. 2200 Watt für Äste mit einem Durchmesser von bis zu sechs Zentimetern. Fünf Aldi-Filialen hatte ich damals abgeklappert - vergeblich. Der einzige Trost war, daß sich solche Angebote bei Aldi wiederholen - man muß nur ein wenig abwarten. Und jetzt war genau dieser Häcksler wieder im Angebot - nur, daß ich jetzt auf dem Balkan saß und keine Chance hatte, da heranzukommen.

Wortlos reichte ich meiner Frau die Zeitung und deutete auf die Anzeige.

„Das gibt´s doch nicht“, entfuhr es ihr, woraufhin ich nur zustimmend nicken konnte. Ungläubig schüttelte sie den Kopf und wir schauten beide eine Weile stumm über unseren Frühstückstisch hinweg auf die Mobilhomes der Nachbarn.

„Und jetzt?“ fragte meine Frau.

„Ja wie: und jetzt.“

„Wir könnten Deine Schwester anrufen.“ Wieder hatte meine Frau eine ihrer praktischen Ideen, die uns schon aus vielen Notlagen herausgerettet hatten. Nur hatte diese eine Haken.

„Meine Schwester ist Aldi-Nord.“ sagte ich.

„Scheiße“, sagte meine Frau.

In dieser Laune verbrachten wir den Rest des Tages. Beim gemeinsamen Grillen am Abend erwähnte ich beiläufig meine Entdeckung in der Bild-Zeitung.

„Der Häcksler von letztem Jahr?“, fragte Klaus aus Hanau, der mit seiner Familie im Mobilhome neben unserem wohnte.

„Ja, genau der. 2200 Watt. Äste bis sechs Zentimeter. Für 99 Euro.“

Wie sich herausstellte, hatte Klaus im letzten Jahr das selbe Schicksal getroffen. Ob wir die Bild-Zeitung noch hätten, fragte er. Ich bat die Kinder, im Altpapier nachzusehen und zwei Minuten später hatten sie die Blätter in der Hand.

Klaus nahm die Zeitung und zeigte die Anzeige wortlos seiner Frau.

„Der Dampfstrahler!“, entfuhr es ihr.

So genau hatten wir uns die Anzeige gar nicht angesehen. Aber offenbar brannte Aldi-Süd gerade ein ganzes Feuerwerk an Sonderangeboten von Garten-Artikeln ab. Auch die Polsterauflagen waren wieder im Angebot.

„Wir hatten schon überlegt, Stefans Schwester anzurufen,“ sagte meine Frau. „Aber die ist Aldi-Nord.“ Mitfühlende Blicke trafen uns aus der Runde.

Es wurde ein ruhiger Abend, früher als sonst räumten wir zusammen und wünschten uns eine gute Nacht. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Mit offenen Augen lag ich an der Seite meiner Frau.

„Wie weit ist es eigentlich bis zur deutschen Grenze?“ fragte sie plötzlich.

„Ungefähr 450 Kilometer“, sagte ich.

„Meinst Du, Du schaffst das an einem Tag hin und zurück?“

„Klar“, sagte ich, erleichtert darüber, diesen Vorschlag nicht selber gemacht zu haben und von ihr möglicherweise als völlig gestört abgestempelt zu werden. Sie drehte sich zu mir um, zog mich zu sich heran und küßte mich auf den Mund.

„Du bist ein Schatz!“ Das sagt sie nicht sehr oft.

Am nächsten Morgen weihten wir unsere Urlaubsfreunde ein.

„Wir können den Häcksler für Euch mitbringen,“ schlug ich vor.

„Und den Dampfstrahler“, strahlte Marianne – die Frau von Klaus.

Die Nachricht von unserer Expedition verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Sonntag nacht um zwei Uhr verließ schließlich ein Konvoi aus drei Kombis und einem Minivan mit insgesamt acht Fahrern, ausgerüstet mit detaillierten Einkaufslisten von vierundzwanzig Familien den Campingplatz in Richtung deutsche Grenze. Montag morgen um halb acht hatten wir deutschen Boden erreicht und eine Viertelstunde später den Parkplatz der Freilassinger Aldi-Filiale besetzt, wo wir uns direkt vor der Eingangstür in Position brachten.

Vollgepackt mit Häckslern, Dampfstrahlern, Vertikutiergeräten und Polsterauflagen machten wir uns zwei Stunden später wieder auf den Rückweg. Mit großen „Hallo“, kühlem Bier und saftigen Steaks wurden wir begrüßt. Die Urlaubsstimmung war wieder hergestellt.

Zwischen die Kartons muß aber irgendwie der Aldi-Prospekt für die zweite Wochenhälfte gerutscht sein. Als meine Frau diesen interessehalber aufschlug, wurde ihr Gesicht aschfahl.

„Was ist los?“ fragte ich. Zur Antwort hielt sie mir den Prospekt entgegen und konnte nur drei Worte über ihre Lippen bringen:

„Die Latex-Matratze...“

Dieses Jahr haben wir drei Wochen Westerwälder Seenplatte gebucht - mitten in Deutschland. Der Campingplatz ist ideal gelegen: nur drei Kilometer bis zur nächsten Aldi-Nord- und fünf Kilometer bis zur nächsten Aldi-Süd-Filiale. Wir freuen uns jetzt schon auf die Angebote.


© by Stefan Schrahe, Juli 2002


Sie glauben nicht, daß es einen Zusammenhang zwischen den Ergebnissen der Pisa-Studie und dem Salatbüffet in unserer Firma gibt? Es gibt einen: Pisa ist nämlich überall, selbst in unserer Kantine. Eines der Hauptergebnisse der Studie war doch, daß die Kreativität in unserem Schulsystem zu wenig gefördert wird. Was das Schulsystem anbetrifft, kann ich das nicht beurteilen - dazu bin ich schon viel zu lange von der Schule weg. Aber daß auch in Unternehmen kreativen Entwicklungen ein Riegel vorgeschoben wird, davon konnte ich mich letzte Woche selbst überzeugen.

Vor einem Jahr wurde in unserer Kantine das Salatbüffet eingeführt. Die kleine Salatschüssel - als Beilage - kostete einen Euro, der große Salatteller drei Euro fünfzig. Diese Preise waren immer gleich, unabhängig davon, wieviel man sich auf den Teller häufte. Und genau da war der Startpunkt für eine kreative Leistung, die später eine ungeahnte Dynamik entwickeln sollte.

Der Grosse Salatteller ist nämlich an sich ein flacher Glasteller - keineswegs eine Schüssel mit hohen Rändern, wie man sie manchmal auf Büffets von Autobahnraststätten sieht. Auf so einem flachen Teller eine große Menge Salat unterzubringen, ist gar nicht so einfach. Zuerst machten viele Kollegen hier noch typische Anfängerfehler. Legten beispielsweise große Eisbergsalatblätter auf einen bereits gehäuften Salatteller mit dem Effekt, daß die Salatblätter entweder herunterzurutschen drohten, oder aber zumindest auf diese Salatblätter nichts mehr hinaufzulegen war, weil die in ihrer schräg angestellten Position für weitere Salate die Funktion einer Rutschbahn bekamen. Das gleiche gilt für Chicoree, den gibt es aber selten.

In den ersten Wochen war bereits eine gewisse Lernkurve erkennbar. Daß man - um möglichst viel auf den Teller zu bekommen - mit Salaten von geringem spezifischem Gewicht anfängt, um dann in einer zweiten Schicht spezifisch schwerere Salate wie Kartoffelsalat nimmt, um die erste Schicht zu verdichten und so eine stabilere Grundlage für eine dritte Schicht zu schaffen, gehörte bald zu den Grundlagenkenntnissen jedes Salatessers. Auch daß Oliven nicht erst zum Schluss, wie man aus dekorativen Erwägungen heraus vielleicht annehmen könnte, sondern ganz zu Beginn auf den Teller gehören - sie werden dann vom Nudelsalat auf dem Teller gehalten und können nicht herunterkullern - machte bald niemand mehr falsch.

Den wahren Salatkünstlern war auch bald die segensreiche Wirkung der verschiedenen Salatsoßen nicht mehr fremd, die je nach Aufbaustatus unterschiedlich gut geeignet sind, eine tragende, weil zusammenpappende Wirkung zu erzielen. So wie schließlich der moderne Hochhausbau auch nicht mehr ohne die Skelettbauweise auskommt, eignen sich zeltförmig angeordnete Pepperonischoten zur vertikalen Stabilisierung des Salatgebäudes. Die horizontale Stabilisierung läßt sich in kritischen Bereichen mit einer - allerdings aufpreispflichtigen - Bulette erreichen. Turmhohe, pyramidenförmige Bauwerke bildeten sich heraus, an den Seiten mit Krautsalat verputzt.

Nach einem dreiviertel Jahr war die empirische Phase vorbei. Die gewonnenen Erkenntnisse mußten in ein theoretisches Modell transformiert werden. Nach Feierabend entstanden auf den Hochleistungsrechnern des Entwicklungszentrums erste Simulationsmodelle nach der Finite Element-Methode. Schon bald war es möglich, das Verhalten von Gemüsemais unter Druckbelastung zu simulieren, ebenso die Fließeigenschaften und Viskositäten von Joghurtsoße gegenüber Essig-Öl und den Taumelfaktor von geviertelten Tomaten. Rechenmodelle wurden getauscht, optimiert und wieder verworfen.

Erkenntisse der Chaos-Forschung flossen ein, da sich das Salatangebot täglich änderte und so nie von standardisierten Bedingungen ausgegangen werden konnte. Mit besonders ausgeklügelten Systemen gelang es schließlich, bis zu 2 Kilo Salat auf einem Teller unterzubringen und diese auch ohne Beschädigung zum Kassenbereich zu transportieren.

Bis letzte Woche.

Denn Freitag letzter Woche gab es einen Aushang in der Kantine, auf dem zu lesen stand, daß der Salat in Zukunft nach Gewicht bezahlt werden soll. Dazu seien an den Kassen eigens Waagen angebracht worden. Das Entsetzen in der Kantine war physisch spürbar. Bezahlen nach Gewicht - wo ist da der Reiz? Wertlos auf einmal alle Programme, die auf CD-ROM gebrannt, hin- und hergetauscht wurden. Unbelohnt plötzlich das unermüdliche Tüfteln, eingeschränkt durch ein starres, bürokratisches Regelwerk, das jeglichen Freiraum für kreative Leistungen im Keim erstickt.

Ich befürchte ernsthaft, daß wir auch in dieser Disziplin international den Anschluß verlieren.


© by Stefan Schrahe, Juli 2002



Ich habe Kurt bei einem Schulfest meiner Tochter kennengelernt. Während die meisten Väter sich fachmännisch um das Feuer bemühten, saßen wir mit unseren Frauen etwas abseits. Meine Frau kannte Kurts Lebensgefährtin vom Power-Walking. Sie und Kurt waren gerade erst zusammengezogen.

Plötzlich ertönte von irgendwoher ein elektronisches Piepsen. Eine angedeutete Melodie mit nicht mehr als drei oder vier unterschiedlichen Tönen. Sofort sprang Kurt von dem Baumstamm hoch, auf dem er gesessen hatte, drehte sich um die eigene Achse, hüpfte über den Stamm und hechtete in drei, vier langen Sätzen auf seine Lederjacke zu, die er an einem Ast aufgehängt hatte. Zielsicher griff er in die Innentasche, holte sein Handy heraus und drückte auf einen Knopf, um den Anruf entgegenzunehmen.

„Was dringendes?“ fragte ich seine Freundin.

„Nein, sein Handy schaltet nur immer schon nach dreimal Klingeln auf die Mailbox um,“ antwortete sie.

„Kann man das nicht einstellen?“ fragte ich.

„Man schon - aber er nicht!“

Der Blick und die Art, wie sie das sagte, verrieten, daß das noch junge Glück der beiden einer solchen Belastungsprobe auf Dauer nicht gewachsen sein würde. Deswegen nahm ich Kurt wenig später beiseite und sprach ihn auf sein Problem an. Nur wenige Tage zuvor war ich nämlich selbst daran gescheitert, eine Rufumleitung auf meinen Festnetzanschluß zu legen, hatte diesen Vorfall jedoch glücklicherweise für mich behalten können. Immerhin konnte ich dadurch aber nachvollziehen, wie es ist, als Mann in solchen Situationen zu versagen und mir auch vorstellen, um wieviel schlimmer es sein muß, wenn dies permanent und vor den Augen anderer, insbesondere der Partnerin, passiert.

Direkt helfen konnte ich ihm aber nicht. Er besaß ein Handy einer anderen Marke, dessen Menüführung ich nicht verstand, aber ich hatte den Eindruck, daß es ihm gut tat, offen reden zu können und zu wissen, daß er mit seinem Problem nicht alleine da stand.

Etwa zwei Jahre später mußte ich wieder an Kurt denken. Ich fuhr meine Tochter zur Schule. Sie saß auf dem Beifahrersitz - damit beschäftigt, einige wichtige Nachrichten per SMS loszuwerden. Plötzlich klingelte mein neues Handy. Während der paar Sekunden, die das Gespräch dauerte, hatte meine Tochter keinen Blick von ihrer Tastatur gelassen, aber als ich mein Handy weggelegt hatte, sagte sie ganz beiläufig:

„Du hast ja immer noch den alten Klingelton.“

Ich fühlte mich ertappt, von einer auf die andere Sekunde demaskiert, unglaublich altmodisch, den zentralen Lebensanforderungen offenbar nicht gewachsen. Ich mußte mir eingestehen, daß ich absolut keine Ahnung hatte, wie ich den Klingelton hätte wechseln sollen, ja sogar daran noch nicht mal eine einzige Sekunde lang gedacht hatte. So murmelte ich irgendwas von „ist ja noch neu“ oder „muß mir das mal angucken“ und beschloß, abends Kurt anzurufen.

Nach dreimaligem Klingeln meldete sich zwar die Mailbox, aber ich versuchte es direkt noch mal. Tatsächlich nahm er den zweiten Anruf direkt - wenn auch etwas außer Atem - entgegen. Ob wir uns mal treffen könnten, fragte ich ihn. Es ginge um Handies. Wir verabredeten uns in einem Bistro, das abends immer relativ leer ist.

Zu unserem ersten Treffen brachte Kurt noch einen Freund mit, der nicht wußte, wie die Notizbuch-Funktion an seinem Handy aktiviert werden konnte. Kurt selbst hatte neben seiner unbewältigten Klingel-Geschichte das Problem, keine SMS mehr empfangen zu können. Wie sich herausstellte, war schon seit Monaten sein Speicher voll, er hatte nur keine Ahnung, wie man den löscht. Der Abend verlief sehr erfolgreich. Wir lösten alle drei gemeinsam unsere dringendsten Probleme und beschlossen, uns in regelmäßigen Abständen wieder zu treffen.

Seitdem ist viel passiert. Nach einem Jahr haben wir die Treffen unserer Selbsthilfegruppe in ein Internet-Cafe verlagert. Nachdem wir die Grundfunktionen unserer Mobiltelefone verstanden hatten, fühlten wir uns stark genug, jetzt auch neben der Pflicht das Kür-Programm anzugehen.

Zuerst wagten wir uns an Klingeltöne. Wir lernten, Geräusche, Melodien oder Sprache aufzunehmen oder aus dem Internet downzuloaden, als Klingelton zu speichern und einzelnen Anrufern zuzuordnen. Ich werde nie Kurts glückliches Gesicht vergessen, als er „Hells Bells“ von AC/DC als Standardklingelton auf seinem Handy eingespeichert hatte, aber das Brüllen eines Grizzly-Bären ertönte, wenn seine Schwiegermutter anrief.

Um uns auf dem neuesten Stand zu halten, wurde es bald nötig, unsere Treffen in immer kürzeren Abständen auszurichten. Inzwischen sehen wir uns zweimal die Woche. Dabei beschäftigen wir uns auch mit handy-philosophischen Fragen. Was beispielsweise, wenn ein Handy auch ein MP3 Player, ein digitales Diktiergerät und ein Organizer ist? Kann man es dann noch immer als Handy bezeichnen?

Am meisten aber beschäftigen wir uns mit Upgrades. An meinem Gerät habe ich kürzlich die GPRS Class 8 Unterstützung mit 57,6kBit/sec, auch via Infrarot (IrDA), die EMS Unterstützung mit bis zu 760 Zeichen, Bildern und Sounds, Kung Fu by Battlemail™ und MS Outlook™ Daten-Synchronisation via Infrarot (IrDA) installiert. Ich weiß zwar noch nicht, wofür das alles gut ist - darüber wollen wir dann das nächste Mal sprechen - , aber immerhin konnte man mit dem Handy nach der Installation noch telefonieren.

Meine Tochter hat mich neulich zum ersten Mal gefragt, ob ich ihr Handy mal für einen Upgrade mitnehmen kann. Da wußte ich, daß ich es geschafft hatte. Kurt und seine Freundin sind inzwischen wieder getrennt. Sie hat sich geweigert, auf ein MMS-fähiges Handy umzusteigen. Eigentlich schade - er hätte ihr so gerne von seinem neuen Nokia mit integrierter Digitalkamera öfter mal Schnappschüsse von unterwegs zugeschickt.

Ist aber nicht so schlimm. Er hat jetzt eine Frau kennengelernt, die schon eines der ganz neuen Generation mit Klingeltönen im Dolby Surround 5.1 Format und der Möglichkeit, sich ganze Kinofilme downzuloaden hat. Letztens, hat er gesagt, hätten sie sich „9 ½ Wochen“ in voller Länge auf dem Handy-Display angesehen.

Vor vier Jahren wäre das undenkbar gewesen.



© by Stefan Schrahe, Februar 2003


Ich liebe Italienisch. Ich spreche zwar selbst kein italie­nisch – bestenfalls die paar Worte, die man als Tourist versucht anzuwenden, bevor einen der Kellner in flie­ßendem Deutsch unterbricht – aber der Klang ist Musik in meinen Ohren. Musik, der ich auch dann gerne zuhö­re, wenn ich sie nicht verstehe.

Bei Sprachen bin ich empfindlich. Stets achte ich da­rauf, genug CDs im Auto zu haben, wenn ich Richtung Holland fahre. Dem Französischen stehe ich neutral ge­genüber. Spanisch finde ich zu hart im Klang und bei slawischen Sprachen muss ich immer an blondierte Frauen mit pink­farbenen Lippenstift denken.

Aber italienisch! Wie viel eleganter hört sich „Vino Rosso“ gegenüber „Rotwein“ an. Spricht nicht die Ras­se des Weines bereits aus diesem Wort und meint man nicht, den Genuss be­reits auf dem Gaumen zu spüren, bevor der erste Schluck probiert ist? Von „Rotwein“ muss man erst mal überzeugt werden. Oder „Zuppa di verdura“. Wie spießig klingt „Gemüsesuppe“ dagegen. Und auch den „Fettucine“ oder den „Tagliatelle“ hört man ihre lukullische Klasse bereits an, bevor man weiß, dass es um Bandnudeln geht.

Aber auch Lebensbereiche abseits von Tisch und Küche weiß der Italiener durch die Melo­diosität seiner Sprache mit Klasse zu bereichern. „Ciao bella“ klingt ungleich kultivierter als etwa „Tschüss, mein Schatz“. Große Filmkunst lässt sich bestimmt leichter in „Cinecitta“ als in „Babels­berg“ produzieren. Und hätte Heidi Klum sich von einem Sechzigjährigen ein Kind andrehen las­sen, wenn der nicht Flavio Briatore, sondern Norbert Haug geheißen hätte? Italiener bringen ihre unver­gleichliche Grandezza sogar dann ein, wenn sie sich in der deutschen Sprache versuchen. Schließlich macht Giovanni Trappatoni auch dann noch „bella figura“, wenn man überhaupt nicht mehr versteht, wovon er ei­gentlich redet.

Kein Zweifel: wenn Kultur sich je in sprachlichem Klang manifestiert hat, dann im Italieni­schen. Und um diesem Genuss möglichst oft auch hierzulande zu frö­nen, suche ich bevor­zugt ita­lienische Restaurants auf – um in Rigatoni, Farfalle, Bruschietta oder Scaloppine Valdostana zu schwelgen.

Dann darf ich allerdings keine Muscheln – oder genau­er: Miesmuscheln – bestellen.

Denn so wie der Sündenfall im Paradies, wie der Re­gentag im Sommer, wie das Haar in der Suppe, der Fleck auf der blütenreinen Weste oder der Pickel auf dem Gesicht einer wunderschönen Frau, so trägt die ita­lienische Sprache – und die italienische Küche – das Kainsmal eines Wortes mit sich, das in anderen Spra­chen auf annehmbare Wortschöpfungen wie „Muscheln“, „moules“, „Mos­selen“ oder „Shells“ hört, im Italienischen jedoch mit einem vollkommen unak­zeptablen Namen be­legt ist, den auszusprechen mir fast peinlich ist.

Dabei mag ich gerne Muscheln. In Weißwein gekocht, mit leckerem Knoblauchweißbrot ge­hören sie im Herbst zu den Delikatessen, auf die ich nur ungerne verzichte. Als ich aber soeben bei meinem Stamm-Italiener das Schild „Frische Muscheln“ auf dem Tisch sah und die Bestellung bei der Kellnerin aufgegeben habe, da muss ich das Wort für einen kurzen Moment vergessen haben. Und schon höre ich die Kellnerin laut durch den Gast­raum rufen: „Papa, abbiamo ancora cozze?“ Von einem auf den anderen Moment habe ich keinen Appetit mehr.

Cozze! Welch tolldreiste Marotte des Schicksals muss das Volk südlich der Alpen dazu be­wegt haben, eine so köstliche Spezialität mit einem so fürchterlichen Namen zu belegen? Wie soll man auf ein Gericht, das als „Spa­ghetti alle Cozze“ in der Speisekarte steht, Appetit ha­ben?

Aber jetzt kann ich nicht mehr zurück. Der Chef ist schon längst an meinem Tisch: „Cozze ganze fri­sche“, schwärmt er, bildet mit Daumen und Zeigefinger vor seinen Lippen einen Kreis und schmatzt laut.

Meine Frau registriert aufmerksam die Veränderung in meinem Gesicht. Sie isst keine Mu­scheln, aber dass je­mandem schon vorher davon schlecht geworden sei, sagt sie, habe sie noch nie gehört. Auf meine Erklärung hin gibt sie mir den Ratschlag, einfach nicht daran zu denken und auf das „Heute frische Muscheln“-Schild zu gucken.

Dann kommt die dampfende Portion. Mit strahlendem Lächeln stellt der Wirt die Muscheln auf den Tisch, mühsam öffne ich eine nach der anderen, jeden Genus­ses beraubt und fixiere das Schild.

„Isse Cozze gut?“ fragt der Padrone laut im Vorbeige­hen und ich nicke nur schwach und bringe ein „Mhhmm“ über meine Lippen.

„Was isst der Mann da?“ fragt ein kleines Mädchen vom Nebentisch die Kellnerin und zeigt auf mich. „Coz­ze“ antwortet sie mit einem Augenaufschlag in meine Richtung.

Vor mir türmen sich jetzt die Schalen, an meinen Fin­gern klebt der Sud und ich habe genug. Brauche jetzt ei­nen Grappa und einen Espresso. Die Kellnerin räumt ab und wir zahlen. Auf dem Heimweg wird mir schlecht. Zu Hause erweisen die Cozze ihrem Namen die Ehre.

Am nächsten Morgen rufe ich in der Firma an, entschul­dige mich mit einer akuten Magen­verstimmung.

„Haben sie was schlechtes gegessen?“, fragt die Abtei­lungssekretärin.

„Nein“, antworte ich. „Nur Cozze.“



© by Stefan Schrahe, November 2005