Lesungen müssen nicht langweilig sein – das beweist Stefan Schrahe. Der Mainzer holt zum Höhenflug aus. In seiner Kurzgeschichte „Alles frisch“ beleuchtet er ein unbeachtetes Problem des Singlelebens: den Kampf gegen das Haltbarkeitsdatum. Nicht der Single selbst, sondern seine Lebensmittelvorräte sind einem stetigen Verwesungsprozess ausgesetzt, Großpackungen fesseln den Alleinlebenden an das Zuhause. „Zweiliterpackungen Apfelsaft empfinde ich als Provokation“, trinkt er gegen den Bakterienbesatz an.
Die Geschichte „von der Aufzucht einer Halbwüchsigen“, der eigenen Tochter, ist ebenfalls zum Schreien komisch.
Stefan Schrahe ist genauer Beobachter des Single-Daseins und erntete brausenden Applaus mit seinem literarisch überspitzten, nimmermüden Kampf gegen das Verfallsdatum seiner Kühlschrank-Füllungen. Auch seine Tochter, die ihr Leben nach Benutzungszeiten für ihr Glätteisen strukturiert, verarbeitete er zu einer Zustimmung erntende Humoreske.
Mit Stefan Schrahe gelang es einem Binger Autor, der seine an den großen Ephraim Kishon erinnernden Alltags-Satiren über das Bestellen eines Subway-Sandwich oder das Glätteisen seiner Tochter ("Klimaschutz kann ja wohl nicht heißen, Scheiße auszusehen") "nur" vorträgt, durch den puren Witz seiner Texte in die Phalanx der Vollblut-Slammer vorzudringen.
Stefan Schrahe, wird nach seiner Geschichte "Alles auf Video" und seinem "politischen Pamphlet" über den Grand Prix wohl auch weiterhin gern gesehener Gast in der "Achterbahn" sein. Seine Lebensbeobachtungen würzt er mit einer guten Portion Witz und bewies in Sachen Eurovision offenbar hellseherische Fähigkeiten, die sich spätestens am nächsten Morgen bestätigten.
Wer sich Prospekte in den Urlaub an die sonnige Adria nachschicken lässt, um sich anschließend zu ärgern, dass der begehrte Garten-Häcksler gerade jetzt daheim besonders günstig angeboten wird, ist selber schuld. So sehen sie aus, die alltäglichen Katastrophen, die das Leben schreibt - oder der Bonner Autor Stefan Schrahe, Gewinner zahlreicher Poetry-Slams, und die Romanschriftstellerin Petra Urban, die 24 solcher Geschichten jetzt in ihrem gemeinsamen Buch unter dem Titel "Kassenkampf und Musenkuss" versammelt haben. "Freiheit ist ein Leben ohne Blick aufs Haltbarkeitsdatum" lautet das Credo der beiden.
Das Publikum im Jägerhof war begeistert von dem literarischen Streifzug durch Bad Kreuznach.
Ein Besuch in einem Bad Kreuznacher Ristorante, dessen Küche Stefan Schrahe schon allein aufgrund des Wohlklangs der Speisen verehrt und dessen unangenehme Folgen, als der Wirt ihm die georderten Muscheln als garantiert "prima cozze" serviert, beschreibt Schrahe in "Das Unwort".
Verschmitzt schaut der Bonner Autor Stefan Schrahe dem Alltag große und kleine Katastrophen ab und verpackt sie in spitze Satiren. Da fährt er mit seiner Familie an die Adria und just hat Aldi-Süd den ersehnten Häcksler im Angebot. Klar, dass am nächsten Tag ein Konvoi vom Campingplatz in Richtung Grenze unterwegs ist.
Stefan Schrahe hatte sich hingegen auf sein eigenes komisches Verhalten spezialisiert, das er in zwei selbst verfassten Kurzgeschichten zum Besten gab. Der Harald-Schmidt-ähnliche Gewinner des Poetry-Slam-Wettbewerbs in Darmstadt traf mit seinen Beschreibungen eines Neurotikers den Nerv des Publikums. Ein Gang zu der neu eröffneten Sandwich-Filiale wurde mit ihm zum unerträglichen Marathonlauf bis zur ersehnten Kasse.
Moderator Werner, Matthias Jung und Stefan Schrahe nahmen alltägliche Situationen aufs Korn
Langweilig kommt auch der VHS-Dozent daher, der als Dr. Lutz Teichmann-Greben vom Diezer Humbold-Gymnasium vorgestellt wird. Langatmig kündigt er seine Literaturstunde an, verzichtet aber auf die sonst übliche Vorstellungsrunde. Doch was passiert dann? Die teils schon desinteressiert wirkenden "Kursteilnehmer" erkennen plötzlich, dass sie sich durch und durch mit den vorgetragenen alltäglichen Geschichten identifizieren können. Sie schmunzeln bei dem Gedanken an einen Campingurlaub, bei dem ihnen das Werbeprospekt einer großen Discounterkette in die Hände fällt. Denn darin wird ein Produkt beworben wird, dass sie beim letzten Mal nicht mehr bekommen haben. Allzu gut ist es nachzuempfinden, wie plötzlich ein ganzer Campingplatz überlegt, wie er an die hunderte Kilometer entfernten Sonderangebote kommen kann. Oder wer hat sich in Sachen Handy nicht schon einmal altmodisch gefühlt, als die Tochter fragte, warum man noch den alten Klingelton hat?
Stefan Schrahes Kurzgeschichten waren der Clou beim Comedy-Abend
Die Stadt Nassau und die unermüdlich Engagierten von Nassau Aktiv hatten vier Künstler zum Comedy-Abend in den Kulturkeller des Günter-Leifheit-Kulturhauses geladen.
NASSAU. In der heimeligen Atmosphäre des Nassauer Kulturkellers und bei erschwinglichen Getränken freuten sich siebzig Zuhörer auf fröhliche Unterhaltung.
Ohne viel Aufwand, allein durch gelassenes Vortragen seiner kleinen Alltagssatiren, gelang Stefan Schrahe dasselbe. Der Kroatienurlaub wird plötzlich zur Qual, weil der heimische Discounter just den Häcksler im Angebot hat, den man im letzten Jahr in fünf Filialen vergeblich zu erstehen suchte. Eine Autokarawane steuert vom Campingplatz über die Alpen, um die Bestellwünsche der Urlauber befrieden zu können... Die leckeren Muscheln machen im Laufe des Abends ihrem italienischen Namen alle Ehre, weil die Kellner beständig fragen, ob "Cozze" schmeckt. Der eigene Haushalt wird nach "Iso 9000 - Qualitätsmanagement" so durchgecheckt und optimiert, dass am Ende stets die notwendige Menge Butter im Kühlschrank ist. Frau und Kind haben mittlerweile das Weite gesucht. Aber das ist, da die Planung computergesteuert und personenunabhängig funktioniert, zu vernachlässigen.
Und während Schrahe ein schlechtes Gewissen hat, weil er als einziger eine Theatervorstellung seines Kindes ohne Webcam verfolgt, hat sein Nachbar nicht nur die Geburt - sieben Stunden, im Zeitraffer - sondern dank guter Planung auch den absoluten Anfang gut ausgeleuchtet gefilmt. "Kriegt meine Tochter zu ihrem achtzehnten Geburtstag!"
Die Zuschauer bekamen nicht genug. Schrahe musste noch eine Zugabe geben. Die Herzen des Publikums hatte er gewonnen. Zuletzt gewann er dank ausgeklügelter strategischer Planung auch noch den Geschlechtskampf an der Discounterkasse.
MAINZ Der Alltag kann skurril bis bizarr, grausam oder einfach nur harmlos sein. Harmlos sind in Petra Urbans und Stefan Schrahes Buch "Kassenkampf und Musenkuss", erschienen im Ingelheimer Leinpfad-Verlag, allenfalls die Anfänge der 24 Kurzgeschichten über diverse Alltagsabenteuer. Die Buchpräsentation fand in Mainz in der Alten Patrone statt, einen angemessenen Rahmen bildete die gediegene Jazzmusik. Das Buch handelt vom Scheitern und Meistern katastrophaler Situationen, mit denen sich eine Generation zwischen Power-Walking, firmeneigenen Intranet Spam-Mails und Faltenreduktion beschäftigen muss.
Petra Urban, offensichtlich mit der Gabe der Wortspielerei gesegnet, neigt in anstrengenden Situationen dazu, sich mit Gedanken an große literarische Werke abzulenken. Die in Bingen lebende Autorin hätte sich etwa in "Wer schreiben kann, der kann auch lesen" an einem flimmernd heißen Tag in den Weinbergen Mephisto gut in Gestalt einer Weinbergschnecke anstatt eines Pudels vorstellen können. Urban liest die Geschichte "In ihrem Alter...! oder Fünfzig ist auch nur ein Wort" vor, in der sie sich vor Jugendwahn und Nachbarn retten muss. Sie ist hierbei stets selbstironisch, humorvoll und kontert schöngeistig.
Der Leinpfad-Verlag veröffentlicht hiermit sein bisher witzigstes Buch. Auffallend ist auch der grelle Einband - Pink gewinnt. Der abgebildete Einkaufswagen verweist nicht nur auf den Titel des Buches, sondern auch auf nervenstrapazierende Einkäufe bei Aldi-Süd. In Stefan Schrahes Kurzgeschichte "Kassenkampf" fühlt sich der Ich-Erzähler von der schnellen Kassiererin überrumpelt, schier bloßgestellt weil er nicht mit ihr mithalten kann. Sie hält schon das abgezählte Rückgeld samt Quittung in der Hand, während der verzweifelte Käufer weder eine Ahnung davon hat, wo sich sein Geldbeutel befindet, geschweige denn weiß, mit welchem Schein er bezahlen wird. Das Gefühl, dass andere ihm einen Schritt voraus sind, kann Stefan Schrahe gar nicht leiden und plant für den folgenden Einkauf die kuriose Rache seiner Hauptfigur.
Auch Stefan Schrahe ist in Bingen zu Hause, seine Geschichten haben oft einen sarkastischen Beigeschmack. "Spiderman" handelt von einem Familienvater, dessen Aufgabe es ist, alle sich im Haus befindenden Spinnen zu entfernen. Jedoch hat dieser einen Deal mit den Krabbeltieren geschlossen, er tötet sie nicht, sondern gibt ihnen die Chance auf irgendeinem anderen Weg wieder ins Haus zu kommen - dafür helfen sie ihm bei der Demonstration seiner Unersetzlichkeit. Wieviel Autobiografisches genau in die Geschichten miteingeflossen ist, das kann jeder selbst für sich entscheiden.
Den Höhepunkt des Abends stellte jedoch Stefan Schrahe dar. Wahre Lachsalven löste der Poet aus, der Geschichten über die kleinen Absurditäten und Wirrungen des Alltags vortrug. So berichtete er zum einen von einem Duell zwischen Kunde und Kassiererin an der Aldi-Kasse oder beschrieb mit treffendem Humor den Hang des deutschen Familienvaters zur Dokumentation jeglicher familiärer Ereignisse mit der Videokamera, der in Schrahes überspitzter Erzählung auch nicht vor dem Kreißsaal und dem Ehebett halt macht.
Eine schöne Studie, wie Unterhaltung auch auf unprätentiöse Art funktionieren kann, lieferte Stefan Schrahe. Seine lesend vorgetragenen Geschichte waren anrührende, scharfe Beobachtungen der Gegenwart. Der Mensch im Streben nach Perfektion baut sich so manche hohe Hürde und buddelt tiefe Gruben, in welche er gar selbst hineinpurzelt. Eine stille Botschaft, die dem aufmerksamen Publikum nicht entging.
Seine pointierten Satiren haben die kleinen Katastrophen des Alltags zum Inhalt: In „Aldi-Süd“ ist es der Kroatienurlaub unter dem Damoklesschwert einmaliger Aldi-Sonderangebote in der fernen Heimat, oder die zu Oden ans Automobil verfremdete Lyrik in einem Autoherstellerkatalog, festgehalten in der geistreichen Kurzerzählung „Aus Liebe“. Den Gipfel seiner feinsinnigen Erzählkunst erreicht Schrahe jedoch mit „Handymania“, der Beobachtung einer verqueren Hassliebe zwischen Mann und Handy, die schlussendlich in der Gründung einer Selbsthilfegruppe mit obsessiven Auswüchsen mündet – der Aha-Effekt beim Publikum war zweifelsohne garantiert.
Besonders großen Anklang findet die "Hamsterpension" von Stefan Schrahe, eine sehr amüsante Satire über Kleintierhaltung und Haustierverbot.
Mit Charme und Witz wurden etwa in essayartigen Alltagsbeobachtungen die Fragen erörtert, wie Liebeserklärungen in der Werbung wirklich zu verstehen sind.
So bildeten Stefan Schrahes satirische Texte einen Kontrast zu allen anderen Programmpunkten. Rein mit der Vorstellungsgabe und seinen hintergründigen texten verursachte er wahre Lachanfälle. So erkannte sich so manch einer, beim Aldi-Sonderangebote-Entdecken. Dass es wirklich Menschen gibt, die an einem Tag 450 Kilometer einfach von der kroatischen Adriaküste bis zum ersten Aldi-Süd-Laden nach der Grenze fahren, um Gartengeräte für die halbe Campingplatz-Besatzung zu kaufen, ließ sich aus den vielen lauten Lachern erschließen.
Schrahe bezieht die Pisa-Studie auf das Salatbüffet im Betriebsrestaurant: "Wie überwinde ich das Mengenproblem des großen und kleinen Salattellers?" Letztlich vergebliche Mühe, weil an der Kasse nach Gewicht abgerechnet wird und die Stapelkunst verschiedener Salatschichten für die Katz war. Ebenso wie die Einführung des Qualitätsmanagementsystems im Haushalt - denn Frau und Kinder packen die Koffer. Aber durch optimierte Zielkonzepte ist wenigstens immer genug Butter im Kühlschrank. Die Zuschauer toben.
Heimliches Highlight des Abends sollte jedoch der Kabarettist Stefan Schrahe werden. Er lüftete das Geheimnis, wie sich zwei Kilo knackiger Salat auf einem Kantinen-Teller stapeln lässt, nämlich mit Hilfe von Pepperonis zur vertikalen und Buletten zur horizontalen Stabilisierung. Der Bürohengst wurde zum Chaosforscher, der peinlich genau analysierte. Dumm nur, wenn in der Kantine schließlich nach Gewicht bezahlt werden musste.
Und auch für die fehlende Butter am Sonntagmorgen hatte Stefan Schrahe die Lösung: Qualitätsmanagement und Lageroptimierung hießen hier die Schlüsselwörter. Bei der Butter blieb es nicht, schließlich wurden auch Kleidungsstücke nummeriert und Wäschstücke dokumentiert. Am Ende hatte Schrahe zwar alle Haushaltsabläufe optimiert, nur die Frau war weg.